Stadtautobahn und Berliner Ring

Obwohl man sich bekanntlich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen sollte liegt der Vorwurf im Raum, dass der verzögerte Abriss und Neubau der Elsenbrücke und die daraus resultierenden und aktuell langanhaltenden Staus von dem 2017 bis 2021 Grün geführten Verkehrsressort mutwillig "geplant" und herbeigeführt wurden.
Wie sonst ist zu erklären, dass "ganze 3 Jahre vergingen, bis eine Behelfsbrücke stand, und die Elsenbrücke abgetragen werden konnte".
Bei den Gegenspielern führt das am Ende zur Verteufelung der Autobahn, und ein Miteinander im Straßenverkehr wird immer schwieriger.
 
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Obwohl man sich bekanntlich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen sollte liegt der Vorwurf im Raum, dass der verzögerte Abriss und Neubau der Elsenbrücke und die daraus resultierenden und aktuell langanhaltenden Staus von dem 2017 bis 2021 Grün geführten Verkehrsressort mutwillig "geplant" und herbeigeführt wurden.
Wie sonst ist zu erklären, dass "ganze 3 Jahre vergingen, bis eine Behelfsbrücke stand, und die Elsenbrücke abgetragen werden konnte".
Bei den Gegenspielern führt das am Ende zur Verteufelung der Autobahn, und ein Miteinander im Straßenverkehr wird immer schwieriger.
Was ist das denn für eine absurde Verschwörungstheorie? Gibt es dafür irgendwelche echten Anhaltspunkte oder Hinweise? Das ist doch mit dem Daumen aus der Nase gepopelt! Als ob in Berlin überhaupt mal irgendwo Straßenbauprojekte zügig abgeschlossen würden. Ich bin 2010 nach Neukölln in die Nähe der Karl-Marx-Str. gezogen. Da wurde dort bereits gebaut. Als ich 2023 dort weggezogen bin, war das Bauprojekt immer noch nicht abgeschlossen. Erst dieses Jahr - nach 15 Jahren Bauzeit - konnte die Sanierung der Karl-Marx-Str. endlich abgeschlossen werden (Link). Bei dieser also noch viel längeren Verzögerung einer wichtigen Verkehrsader in Berlin (im Vergleich zur Elsenbrücke) muss ja noch ein viel größerer, viel wichtigerer Plot dahinterstecken. Welcher Vorwurf liegt da im Raum? Waren's die Illuminaten? Die Freimaurer? Oder doch wie immer nur das Standardfeindbild des 'linksgrünversifften' politischen Gegners? Aber was sollte es bezwecken? Sämtliche Anwohner und Geschäftstreibende dauerhaft gegen sich aufbringen, um einen politischen Wechsel in der BVV herbeizuführen um dann nach weiteren 10 Jahren wieder ein Comeback zu feiern oder sowas?
 
Was mich neben der in Post #130 behandelten Frage wie realistisch überhaupt eine Umsetzung ist stets interessiert, ist der Vergleich mit anderen Ländern. In diesem Fall also hinsichtlich Stadtautobahnen. Da ist das Feld natürlich sehr heterogen. Es gibt z.B. Städte wie Madrid mit gefühlten tausend Autobahnen quer durchs gesamte Stadtgebiet, definitiv sehr vielen Autobahnen für ihre Größe. Dann gibt es Städte wie Paris, über die in den letzten Jahren ganz viel geschrieben wurde hinsichtlich Rückbau von Straßen, die ansonsten ein für ihre Größe mittleres Level and Stadtautobahnen aufweisen. Und es gibt Städte wie z.B. Warschau oder Prag, die in den letzten Jahren ihr Stadtautobahnnetz aus- bzw. überhaupt erst aufgebaut haben.

Was mir aber beim letzten Besuch in London mal wieder aufgefallen ist, das ist wie wenig Stadtautobahnen es dort gibt, wie wenig große Schnellfahrstraßen überhaupt im Stadtgebiet und wie trotzdem alles funktioniert. London als für europäische Verhältnisse gigantisch große (i.S.v. einwohnerstarke) Stadt, die auch schon sehr lange einen sehr hohen Entwicklungsstand aufweist und all die Phasen durchlaufen hat, in denen andere westliche Städte mehr oder weniger dichte Stadtautobahnnetze aufgebaut haben, hat bis auf den Ring außenrum und ganz wenige Richtung innen führende Zipfel nämlich de-facto überhaupt keine Stadtautobahnen. Ich habe das mal selbst auf folgenden auf OpenStreetMap basierenden Karten deutlich gemacht im direkten Vergleich mit Berlin. Die Kartenausschnitte sind dabei vergleichbar groß, aber London weist halt auf derselben Fläche rund 2.5 mal mehr Einwohner auf als Berlin:

london.jpg

berlin.jpg


Es sind nur 'echte' Autobahnen bzw. Motorways gekennzeichnet (und nur der jeweilige Ring und von dort nach innen). Würde man den Autobahnen vergleichbare andere Schnellstraßen auch mit markieren, hätte Berlin eine sogar noch einmal deutlich höhere Schnellstraßen-Dichte aufzuweisen als London als dies hier ohnehin schon sichtbar ist. Man denke z.B. an die L40 oder L76 südlich von Berlin mit Höchstgeschwindigkeiten von 120 km/h. Und selbst die 'normalen' großen Stadtstraßen mit 50 oder manchmal 60 km/h in Berlin sind oft als 6-spurige, ultrabreite Straßen ausgeführt, während es in London meist relativ enge maximal 4-spurige Straßen sind.

Der Punkt um den es mir geht ist, dass wohl niemand bestreiten wird, dass London eines der größten und wichtigsten Wirtschaftszentren Europas ist, eine trotz Brexit und Co sehr solide, vielleicht sogar florierende Wirtschaft hat und dass es als Stadt weitgehend funktioniert. Und dabei kämpft der zweifellos sehr gut ausgebaute und sehr dichte, mit Blick auf die unterschiedliche Bevölkerungsgröße im Vergleich zu Berlin aber auch nicht wirklich besser als in Berlin ausgebaute ÖPNV mit denselben Problemen wie hier in Berlin. Die uralte 'Tube' (also die U-Bahn) mit ihren für heutzutage viel zu kleinen Tunneldurchmessern, Kurvenradien, Bahnsteiglängen etc. ist ständig von Problemen geplagt. Jeder beschwert sich drüber. Alle sind genervt. Es ist oft schmutzig und laut auf den Bahnsteigen und komische Leute treiben sich rum, insb. sobald man das unmittelbare Zentrum verlässt. Die Busse sind zwar als Symbol international gefeiert, aber ständig heillos überfüllt und aus Berliner Sicht eine absolute Katastrophe was die Nutzung mit Rollstühlen, Kinderwagen etc. betrifft; dazu oft unpünktlich und extrem unfreundliche Fahrer.
Und trotzdem fordert niemand ernsthaft den Bau neuer Stadtautobahnen quer durch London.

Ich möchte an dieser Stelle wieder betonen, dass ich überhaupt kein Problem mit Autobahnen habe. Kaum jemand stellt ernsthaft infrage, dass Autobahnen für eine moderne Volkswirtschaft sinnvoll und notwendig sind. Kaum jemand würde ernsthaft fordern, die A2 oder die A9 in Deutschland abzureißen. Aber ob Autobahnen in der Innenstadt tatsächlich so notwendig und großartig für die Wirtschaft sind, wie in den Debatten immer gern herausgestellt wird, darf m.M.n. doch sehr bezweifelt werden.

Und bzgl. des immer wieder vorgebrachten Argumentes, dass es irgendwie um dieselbe Menge an Autos ginge, die halt entweder alle auf der Autobahn fahren oder sich stattdessen durch die Wohngebiete zwängen: das entspricht einfach überhaupt nicht dem wissenschaftlichen Stand der Verkehrs- und Stadtentwicklungsforschung der letzten Jahrzehnte, wo immer wieder gezeigt wurde, dass ein größeres Angebot an besseren Straßen eben auch zu einer Zunahme an Autos und Verkehr führt, oft (aber nicht immer) sogar mit am Ende mehr Stau und längeren Fahrtzeiten als vorher (als Anregung hierzu siehe z.B. LINK und LINK).
 
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